Arbeit

Der vielfach prämierte, nachhaltig wirtschaftende und zu hundert Prozent ökologisch denkende, sich seit Jahren im unteren Niedriglohnsegment eines der weltreichsten Länder abmühende, dynamische Biogemüsebauer mit eigenem Kopf und Kleinstbetrieb, auf dessen – zwischen Fluss und Atomkraftwerk gelegenen – zehn fruchtbaren Hektaren Land er über hundert, zum Teil ausgefallene Gemüsesorten anzubauen pflegte, deren zu schmackhaften Endprodukten gereifte Erzeugnisse er an Biofachgeschäfte lieferte, und zwei mal wöchentlich auf regionalen Märkten einer gleichsam aufgeschlossenen wie zahlungskräftigen Käuferschaft feilbot, trinkt seine soundsovielte Tasse Kaffee, gähnt, und starrt auf den staubigen Bildschirm seines Rechners, wo sich ihm sein Leben als spröde Abfolge von Zahlenreihen präsentierte, an deren Ende seine Zukunft hing.

Nachdem er versucht hatte, seine Website neu zu konfigurieren, surfte er eine Weile gedankenlos durch die sozialen Netze, checkte sein Profil und die Anzahl seiner neuen Freunde (unverändert drei), und ist nun seit geraumer Zeit, die ihm wie eine schlimme, nicht enden wollende Ewigkeit erscheint, wieder dabei, sich den Abrechnungen der letzten acht, neun Monate zu widmen, und zu planen, was zu planen war.
Sie besass ein natürliches Flair für Büroarbeit und hatte soziale Netzwerke geliebt; für ihn bedeutete es Stress und Qualen.

Sie war seine Frau. Er hätte sie nicht gehen lassen dürfen. Er hatte sie geliebt. Verzweifelt, und mit ganzem Herz. Und er hatte sie gehasst.
Sie war seine Frau, und sie hatte ihm das Herz durchgehackt.
Aber sie hatte einen Plan. Einen Plan, einen Plan.
Eine ständig wiederkehrende, scheinbar nicht weg zu schwitzende, weg zu denkende oder sonst wie klein zu kriegende Gewissheit, an der er, so sah es aus, für den Rest seines Lebens zu knabbern haben würde wie an einem harten und wahren Stück Brot.

Die verdammten Krähen! Er rannte los. Sein Gewehr holen.
Kaum waren die Kohlrabi-Setzlinge im optimal feuchten Ackerboden angekommen und bereit anzuwachsen, stachen die Viecher in krächzenden Schwärmen herab, um sie mit nach allen Seiten hin listig aufblitzenden Augen und ihren spitzen Schnäbeln wieder aus dem Erdreich zu zupfen, und ihn so locker um mehrere hundert Franken zu bringen.

Auf dem konventionell bewirtschafteten Nachbarfeld fährt der fette und allmählich verfettende SVP-Urs, mit dem ihn in den prähistorischen Tagen seiner Kindheit einmal eine Pfadfinder- und Turnvereinfreundschaft verbunden hatte, mit dem Müller Toni, dem Dorfkönig der Landwirtschaftsmaschinen, den Weizen ein.
Mit ihren qualmenden Traktormonstern brettern sie über den Acker als wären sie Teil einer Sportveranstaltung.
Nach fünfzehn Minuten Motorengeheul ist die Ernte eingefahren. Eine Zeit, in der seine Arbeiter, wenn es gut lief, auf allen Vieren den zehnten Teil einer Reihe Lauch von Unkraut befreit hatten.
Er steht inmitten eines abgasgeschwängerten Schlachtfelds aus zerstörten Setzlingen, legt an, und ballert in den blauen, krähenlosen Himmel.

Einen goldenen Solo-Herbst lang hatte er sich, überzeugt, das einzig richtige getan zu haben, frei und unsterblich gefühlt.
Bis zum darauf folgenden, eisig kalten Winter.
Dann wurde es Frühling, und er konnte das Unheil über sich hinein brechen sehen.
Mit ihr war es die Hölle. Ohne sie drohte alles zu verwildern.
Dafür gab es mit ihrem Verschwinden dann – in den paar Stunden, die ihm zwischen Acker, Vieh, und Büro noch blieben – allerdings auch keine Marketingdiskussionen, Supervisions-Gespräche und dergleichen mehr, die ihn am Ende irgendeines mal wieder sinnlos zerredeten Tages dazu gebracht hatten, die Dinge zu sagen, die in der Folge dazu geführt hatten, dass sie ihm eine Pfanne an den Kopf warf, und es nun war wie es war.

Sie hatten sich in einem Geschäft für Telekommunikation kennen gelernt. Das war später der lustige Teil der Geschichte.
Die Wahrheit war ein leise sich im Wind wiegendes Meer aus Grashalmen; etwas, das weiter und weiter ging, auch wenn man längstens genug davon hatte.

Sie hatten zwei Kinder, Vorstellungen von einem erfüllten Leben mit Hof, Familie, Liebe und Arbeit gehabt.
Vielleicht hätten sie öfters zusammen weg fahren sollen. Vielleicht hätte er ihr öfters sagen sollen, wie schön sie es doch miteinander hatten, und einen Strauss Blumen auf den Tisch stellen. Vielleicht hätte sie auch mal einfach nur still sein können; und arbeiten. Vielleicht hätte er häufigere Arbeitspausen einstreuen sollen (um mit ihr über die Zukunft zu reden).
Es hätte weiter gehen können. Wenn sie mit ihrem Vorrat an gemeinsamen schönen Erinnerungen nicht so schnell an ein vorzeitiges gemeinsames Ende gelangt wären; wenn es anders weiter gegangen wäre.
Aber das Leben war nicht anders, es war so: Man stellte sich etwas vor, brachte sich ein, war wer man war, tat was man konnte, um dann zu sehen, was die Wochen und Monate damit machten.
Der Rest war Arbeit.
Liebe, auf jeden Fall, war auch eine Arbeit, aber eine, für die er keine Bereitschaft mehr aufzubringen bereit war. Liebe war gut, aber sie brach einem das Herz. Was blieb, das war die Arbeit. Und er liebte es, zu arbeiten.

Die Mittagssonne brannte erbarmungslos auf seine Halbglatze herunter. Noch vierzig Kisten Lauch, Zwiebeln, Fenchel, Broccoli setzen, Peperoni und Auberginen hochbinden, Tomaten ausbrechen, Ausmisten, Mails checken, Lieferscheine schreiben. Dann hacken bis fertig. Ein Ersatz für den Griechen musste her, der in die Sommerferien nach Hause gefahren war.
Ferien! – bei der Vorstellung schüttelte es ihn. Nein, er brauchte keine Ferien, das brauchten nur Leute, die das bisschen arbeiten offensichtlich regelmässig so zu Tode entkräftete, dass sie alle paar Wochen dringend Erholung brauchten, in der sie Eis lutschend in der Gegend herumlagen und endlich mal nichts taten, um wieder Power für ihr bescheidenes Tun zu sammeln, das sich darin erschöpfte, stundenlang vor Bildschirmen zu sitzen, vor denen sie dann taten, was sie so taten, wenn sie das taten, was sie Arbeit nannten.
Es war verrückt: Da kamen Leute zu ihm auf den Hof, um zu helfen, wollten aber lieber Fenchel-Felder oder Kürbisse abfotografieren, oder noch besser: „Einfach nur Sein.“
Diese Dorothea oder Gertrud, dieser Sven oder Björn, brauchten alle nicht mehr zu kommen. Er brauchte Leute, die anpacken konnten, keine esoterischen Tanten, Sozialfälle oder Langzeitstudenten.
Dabei bot er auf seinem Hof, recht betrachtet, doch eigentlich nichts anderes als sonnenreiche, bezahlte Ferien auf dem Land, verbunden mit ein wenig Handarbeit, die noch niemandem geschadet hatte, zudem fit hielt und einen gesunden Teint verpasste, um den einen die vom Kroatienurlaub Zurückgekehrten am Abend beim gemeinsamen Glas Sekt alle beneideten.

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